Psychologische Sicherheit ist keine Wohlfühlmaßnahme – sondern eine Führungsaufgabe

Psychologische Sicherheit hat sich in den letzten Jahren zu einem der meistzitierten Konzepte in modernen Arbeitsumgebungen entwickelt. In nahezu jedem Leadership-Workshop, jedem Team-Leitbild und jeder New-Work-Diskussion taucht der Begriff auf. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich: Viele Teams sprechen über psychologische Sicherheit – erleben sie aber nicht wirklich.

Der Grund liegt oft in einem fundamentalen Missverständnis darüber, was psychologische Sicherheit eigentlich bedeutet.

Das Missverständnis: Harmonie statt Sicherheit

Häufig wird psychologische Sicherheit mit Harmonie, Nettigkeit oder einer angenehmen Wohlfühlatmosphäre gleichgesetzt. Genau diese Verwechslung verhindert jedoch oft, dass echte Sicherheit im Team entsteht.

Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass sich immer alle gut fühlen. Sie bedeutet vielmehr, dass Menschen sich äußern können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.

Was psychologische Sicherheit wirklich auszeichnet

  • Fragen stellen, ohne als inkompetent zu gelten

  • Unsicherheiten benennen, ohne Schwäche zu zeigen

  • Fehler offen ansprechen, ohne Bestrafung zu fürchten

  • Abweichende Sichtweisen einbringen, ohne ausgegrenzt zu werden

  • Unbequeme Themen formulieren, ohne negative Konsequenzen zu erwarten

Psychologische Sicherheit zeigt sich nicht an der Annehmlichkeit von Gesprächen, sondern daran, was gesagt werden darf.

Warum Wohlfühlkultur kontraproduktiv sein kann

Paradoxerweise kann eine gut gemeinte Kultur der übertriebenen Rücksichtnahme psychologische Sicherheit sogar untergraben. In solchen Teams beobachtet man häufig:

  • Kritik wird so weit abgemildert, dass sie ihre Wirkung verliert

  • Spannungen werden nicht thematisiert, sondern unter den Teppich gekehrt

  • Probleme werden vertagt statt gelöst

  • Unklarheiten bleiben unausgesprochen

Nach außen wirkt das Team harmonisch und gut funktionierend. Intern entsteht jedoch das Gegenteil von Sicherheit: Unsicherheit.

Menschen beginnen sich zu fragen: Darf ich das wirklich ansprechen? Ist das jetzt der richtige Moment? Was passiert, wenn ich widerspreche? Das Resultat ist Zurückhaltung – und Zurückhaltung ist das Gegenteil von psychologischer Sicherheit.

Führung als Sicherheitsfaktor

Psychologische Sicherheit ist kein Zufallsprodukt guter Gruppendynamik oder einer lockeren Atmosphäre. Sie ist das direkte Ergebnis bewusster Führung.

Führungskräfte schaffen psychologische Sicherheit durch:

  • Klare Erwartungen – Menschen wissen, was von ihnen erwartet wird

  • Klare Entscheidungsräume – Die Grenzen zwischen Mitgestaltung und Vorgabe sind transparent

  • Klare Rollen – Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten sind definiert

  • Klare Ziele – Die Richtung ist für alle nachvollziehbar

Wenn Menschen wissen, woran sie sind und welchen Rahmen sie haben, entsteht Orientierung. Und Orientierung ist die Basis für Sicherheit.

Klarheit: Der unterschätzte Sicherheitsfaktor

In der Praxis zeigt sich immer wieder: Nicht mangelnde Empathie verhindert psychologische Sicherheit, sondern mangelnde Klarheit.

Häufig bleibt unklar:

  • Worum geht es in dieser Diskussion wirklich?

  • Auf welcher Ebene bewegen wir uns – geht es um Ideen, Entscheidungen oder reine Information?

  • Was ist noch offen zur Diskussion, und was bereits festgelegt?

  • Welche Art von Beitrag wird gerade erwartet?

Wo diese Klarheit fehlt, halten sich Menschen zurück. Nicht unbedingt aus Angst, sondern aus Unsicherheit über den Kontext.

Ein alltägliches Szenario

Ein typisches Team-Meeting: Alle Beteiligten sind höflich und freundlich, niemand unterbricht, niemand widerspricht offen. Am Ende nicken alle zustimmend – und in den Tagen danach wird in Einzelgesprächen, auf dem Flur oder in Messenger-Chats weiterdiskutiert.

Das eigentliche Problem ist selten fehlender Mut. Oft ist schlicht unklar:

  • Ob kritische Anmerkungen an dieser Stelle erwünscht sind

  • Ob das Thema zur Diskussion steht oder bereits entschieden ist

  • Ob es um offenen Austausch oder um die Kommunikation eines Beschlusses geht

Ohne diese grundlegende Klarheit über den Gesprächsrahmen kann sich kein Raum für echte Beteiligung entwickeln.

Fazit: Struktur schafft Sicherheit

Psychologische Sicherheit ist kein Wohlfühlfaktor, sondern ein entscheidender Arbeitsfaktor für leistungsfähige Teams. Sie entsteht dort, wo:

  • Führung klare Orientierung gibt

  • Erwartungen explizit ausgesprochen werden

  • Kommunikation strukturiert und bewusst gestaltet wird

  • Unterschiedliche Perspektiven nicht nur toleriert, sondern aktiv eingefordert werden

Nicht weil alle nett zueinander sind, sondern weil der Rahmen stimmt.

Psychologische Sicherheit ist keine Wohlfühlmaßnahme. Sie ist die logische Konsequenz guter, klarer Führung.

Mehr zu den Themen Leadership, Kommunikation und Präsentation gibt es in den weiteren Artikeln des Wissens-Hubs.

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Psychologische Sicherheit braucht Klarheit – nicht mehr Offenheit